Auf Entdeckungstour im Gletschergarten Luzern entwickelten Harriet Blättler, Andrea Gautschi, Sandro Meier, Nina Oderbolz und Dario Venutti, Studierende des Masterstudiengangs Geschichtsdidaktik und Public History der Pädagogischen Hochschule Luzern.

Im gemeinsam mit Cécile Vilas, Direktorin Memoriav durchgeführten Praxisseminar «Multimediales Storytelling in Museen und Öffentlichkeit» von Christine Szkiet lernten die Studierenden entlang von Fallbeispielen unterschiedliche Aspekte und Möglichkeiten zur Anwendung des multimedia- transmedia Storytelling kennen, entwickelten mit verschiedenen theoriebasierten Inputs von Fachexperten des Vereins oder vor Ort im Gletschergarten Luzern eine eigene Fragestellung, recherchierten Inhalte entlang schriftlichen, visuellen und audiovisuellen Quellen, formulierten Texte, wählten geeignete Quellen und konzipierten und entwickelten diese Vitrine.

 

Kapitel dieses Abenteuers

 

Warum lockt das «traurigste und bewegendste Stück Stein» unzählige Tourist*Innen nach Luzern?

«Das traurigste und bewegendste Stück Stein der Welt», dies schrieb Mark Twain einst über das in die steile Felswand hineingeschlagene Monument

Comic Gletschergarten

 

Am Anfang war der Löwe

Es wirkt zunächst etwas ungewöhnlich, eine Entdeckungsreise durch den Gletschergarten mit dem Löwendenkmal zu beginnen. Der Grund liegt nicht nur in der unmittelbaren Nähe der beiden Sehenswürdigkeiten, sondern auch in ihrer starken Wechselwirkung und gemeinsamen Anziehungskraft. Doch wie kam es dazu, dass sich das Löwendenkmal direkt neben dem Gletschergarten befindet? Ein Zufall?
Tatsächlich entstand das Löwendenkmal bereits im Jahr 1821, lange vor dem Bau des Gletschergartens, als eigenständiges Projekt von Karl Pfyffer von Altishofen zur Ehrung und Erinnerung an die in Paris gefallenen Schweizergardisten. Erst im Jahr 1873 entdeckte Joseph Amrein, der spätere Gründer des Gletschergartens, bei Aushebungsarbeiten für einen geplanten Weinkeller auf seinem Grundstück in der Nähe des Löwendenkmals, die ersten Gletschertöpfe. Er entschied sich kurzerhand, seine Pläne des Weinkellers nicht weiterzuverfolgen und dort stattdessen ein Museum zu errichten. Seither erweiterte der Gletschergarten seinen Museumsbau immer wieder, sogar noch bis ins Jahr 2022.

Löwe Luzern

Aquatinta. ZHB-Sondersammlung, LSb.17.1.12, H.F. Leuthold, 1840, Onlinequelle, ZentralGut

Löwe Luzern

Aquatinta. ZHB-Sondersammlung, LSb.17.1.6, 1821, Onlinequelle, ZentralGut

Diese beiden Gemälde geben einen Eindruck davon, wie die Umgebung des heutigen Gletschergartens vor dessen Errichtung ausgesehen haben könnte.

 

Entstehung der Sehenswürdigkeiten rund um den Gletschergarten
Gletchergarten Entwicklung

 

Der Löwe als Touristenmagnet

Das Löwendenkmal besitzt heute wie auch zum Beginn des aufblühenden Tourismus eine enorme Anziehungskraft und zog bereits in frühen Jahren eine Vielzahl an verschiedenen Touristen und Touristinnen nach Luzern, darunter amerikanische Soldaten, politische Persönlichkeiten aber auch Menschen aus entfernten Ländern. Jährlich besuchen etwa 1.4 Millionen Touristen das Monument, davon profitiert auch der Gletschergarten, der sich gleich daneben befindet.

Gletschergarten Luzern
Gletschergarten Luzern
Entwicklung des Tourismus in Luzern

Die Stadt Luzern zählt seit dem 19. Jahrhundert zu den bedeutendsten Reisezielen der Schweiz, wobei der Gletschergarten und das Löwendenkmal zu den frühesten und bekanntesten touristischen Attraktionen gehören. Die Verbesserung der Verkehrsanbindung, insbesondere durch den Bau der Eisenbahnlinie im Jahr 1859, machte Luzern für Besucher aus ganz Europa leicht erreichbar. Die Stadt investierte in Infrastruktur, Hotels und Freizeitangebote, um dem steigenden Besucheransturm gerecht zu werden. Zugleich wurde Luzern zum Ausgangspunkt für Ausflüge in die umliegenden Alpenregionen, was den Tourismus weiter belebte. Dieser frühe Erfolg führte zu einer raschen Ausdehnung des Tourismus, der Luzern im 20. Jahrhundert zu einem der bedeutendsten Kurorte und Ferienziele der Schweiz machte. Heute sind der Gletschergarten und das Löwendenkmal nicht nur touristische Attraktionen, sondern auch Symbole für den Beginn der touristischen Erfolgsgeschichte Luzerns.

 

 

Anfänge eines Kulturtourismus

Vor 1900 war Luzerns touristisches Angebot überschaubar und richtete sich vor allem an ein gebildetes, wohlhabendes Publikum. Beliebte Aktivitäten waren Dampfschifffahrten auf dem Vierwaldstättersee, Spaziergänge am Quai, Besuche von Läden mit Souvenirs, Kleidern und Schmuck, sowie der Besuch des Löwendenkmals und von Meyers Diorama.

Luzern

Meyers Diorama und Ladengeschäfte am Löwenplatz um 1900. Rechts Gletschergarten, ZHB Luzern Sondersammlung, LSa.32.23.8

 

Eine Reise durch Luzern 1974

 

Gegenseitiges Werben der Sehenswürdigkeiten
Luzern

Werbung für das Alpendiorama mithilfe der Erwähnung «beim Löwendenkmal».Onlinequelle

Luzern

Postkarte Luzerns mit dem Gletschergarten, dem Löwendenkmal und den Alpen.Wikimedia Commons

Luzern

Gemälde von Luzern vor 20‘000 Jahren. Das Original hängt im Alpendiorama, doch auch im Gletschergarten begegnet man dieser Darstellung der eiszeitlichen Landschaft, E. Hodel 1927. Onlinequelle

Gletschergarten Luzern

Faltblatt des Gletschergartens mit dem Modell der Gletschermühle und dem Spiegellabyrinth, 1903

 

 

Faszination Tourismus

Womöglich hat Joseph Amrein gerade in der Anziehungskraft des Löwendenkmal auch Möglichkeiten und Potenzial für sein eigenes Zukunftsprojekt gesehen: Den Gletschergarten als touristische Attraktion

Gletschergarten Luzern

 

Weinhandel oder Ausstellungsgewerbe?
Warum steht hier kein Weinkeller? 

Comic Gletschergarten

 

Vom Mythos zur Vermessung

 

Gletscher faszinieren die Menschen seit jeher, galten aber lange als Orte des Aberglaubens. Erst im 16. Jahrhundert begann man, sie wissenschaftlich zu erforschen. Die systematische Gletscherforschung nahm in den Schweizer Alpen ihren Anfang. Johann Jakob Scheuchzer gilt als Begründer der wissenschaftlichen Alpenkunde (1700-1723). Johann Heinrich Hottinger befasste sich 1703 erstmals mit der Entstehung und der Bewegung der Gletscher. Im 19. Jahrhundert entstand die Hypothese einer früheren grossflächigen Vergletscherung. Louis Agassiz (1807-1873) wurde zum Hauptvertreter dieser Eiszeittheorie. Seine Forschungen am Unteraargletscher (1840-1845) lieferten bahnbrechende Erkenntnisse über Gletscherbewegung und Eisstruktur. In seinem Werk «Etudes sur les glaciers» (1840) zeigte er, dass das Schweizer Mittelland einst von Eis bedeckt war. 1872 entdeckte Josef Wilhelm Amrein-Troller in Luzern Gletschertöpfe im Sandstein und eröffnete ein Jahr später den Gletschergarten. Die Strudellöcher, die durch Gletschereis und Schmelzwasser entstanden waren, untermauerten die Eiszeittheorie. 1869 wurde ein Gletscherkollegium zur Erforschung des Rhonegletschers gegründet. François-Alphonse Forel initiierte ab 1880 die jährliche Beobachtung der Schweizer Gletscherzungen. 1894 entstand die Commission Internationale des Glaciers zur weltweiten Koordination. Heute führt der World Glacier Monitoring Service (WGMS) an der Universität Zürich diese Arbeit fort.

 

Pioniere der Gletscherforschung

 

Biwak des Gletscherforschers Franz Joseph Hugi am Aaregletscher. Eine Zeichnung aus den «Études sur les glaciers» von Louis Agassiz.

Glacier de l’Aar, Partie supérieure avec la cabane de Monsieur Hugi. Aus: Agassiz, Louis: Études sur les glaciers, Neuchâtel 1840, Tafel 14, dessinés d’après nature et lithographiés par Joseph Bettannier, Onlinequelle

Abbildung 1: Die Gletschervermessung am oberen Rhonegletscher im Jahr 1882.

Abbildung 2: Biwak des Gletscherforschers Franz Joseph Hugi am Aaregletscher. Eine Zeichnung aus den «Études sur les glaciers» von Louis Agassiz.

Abbildung 3: Eine Seilschaft wohl auf dem Persgletscher in der Bernina Gruppe.

 

 

Was kommt nach den Gletschern?

Wasserkrise und Naturgefahren

Gletscher sind zu Symbolen des Klimawandels geworden. Die Schweizer Gletschermessungen zeigen dramatische Verluste: 2022-2023 schmolzen 10 Prozent des Eisvolumens weg, 2024 weitere 2,5 Prozent - trotz viel Winterschnee. Bis 2050 wird es noch wärmer.
Viele Gletscher werden verschwinden. Neue Seen entstehen, aber auch Naturkatastrophen drohen - wie der Gletschersturz in Blatten zeigte. Weltweit hängen rund eine Milliarde Menschen vom Gletscherwasser ab.
Der Gletscherschwund ist mehr als der Verlust eines Mythos - er bedroht unsere Lebensgrundlagen unwiederbringlich. Das "Jahr der Gletscher" 2025 und der neue "Welttag der Gletscher" am 21. März sollen zum Handeln aufrufen. Das "Jahr der Erhaltung der Gletscher" 2025 soll weltweit auf die Bedeutung der Gletscher und den dringenden Handlungsbedarf aufmerksam machen. Am 21. März soll ab dem Jahr 2025 fortan am «Welttag der Gletscher» an das Schicksal der Eisgebirge des Schweizerlandes (Gottlieb Sigmund Gruner, 1760) gedacht werden. 

 

 

Gletscherforschung heute

 

 
Faszination der Gletscher im 21. Jahrhundert

 

Die schmelzenden Gletscher verändern die Landschaft und bieten neue Chancen

Wandern auf dem «ewigen Eis» als Tourismusfaktor 2020 im Vergleich zur Erkundung des Persgletscher im Jahr 1889

 

1906 fällt die Statue von Louis Agassiz, dem berühmten Schweizer Glaziologen und Rassisten, in Folge eines Erdbebens vom Sockel. Die Statue von Humboldt bleibt damals unversehrt auf dem Podest bei der Universität Stanford stehen.

F. Davey (1906). Agassiz statue fallen, von Humboldt still on pedestal [Schwarz-weiß-Fotografie]. Stanford University Libraries, Department of Special Collections and University Archives.

 

Der Fall Agassiz

1906 fällt die Statue von Louis Agassiz, dem berühmten Schweizer Glaziologen und Rassisten, infolge eines Erdbebens vom Sockel. Die Statue von Humboldt bleibt damals unversehrt auf dem Podest bei der Universität Stanford stehen.

 

 

 

 

 

 

 

Comic Gletschergarten

 


Marie Amrein-Troller: Pionierin im Museumswesen

Animiertes Porträt von Marie Amrein-Troller
z. V. g. von Velvet Creative Office GmbH mit dem Einverständnis des Gletschergartens Luzern

Im Jahr 1881 übernahm die Luzernerin Marie Amrein-Troller (*1849, †1931) die Leitung des Gletschergartens Luzern, nachdem ihr Ehemann Josef aufgrund einer Krankheit verstarb. Die alleinerziehende Mutter von vier Kindern hatte mit vielen Herausforderungen zu kämpfen: Frauendiskriminierung, Wirtschaftskrise und ein Vertrag, zu dem sie von ihren Schwägern Alois Russi und Franz Brun überredet wurde. Die Geldgeber, Lieferanten und Handwerker zweifelten an den Fähigkeiten von Marie Amrein-Troller, da im 19. Jahrhundert einer Frau aufgrund ihres Geschlechts die Betriebsführung nicht zugetraut wurde. Zum Zeitpunkt der Übernahme hatte der Gletschergarten Schulden von 275'000 Schweizer Franken, weshalb vorerst kaum Geld in das Museum investiert werden konnte. Gleichzeitig musste Marie Amrein-Troller aufgrund eines ungerechten Vertrages den allfälligen Gewinn des Gletschergartens mit den Familien der Schwestern teilen, obwohl diese kaum Pflichten übernahmen. Deshalb zog sie vor ein Schiedsgericht, das ihr am 17. Juli 1895 Recht gab. So erlangte Marie Amrein-Troller den alleinigen Besitz des Gletschergartens Luzern und begann sogleich ihren Geschäftssinn und ihre Innovationsfähigkeit unter Beweis zu stellen. Auf Vorschlag von Sigmund Fischer – dem Ehemann der jüngsten Tochter Marie-Louise – kaufte Marie Amrein-Troller im Jahr 1898 ein Spiegellabyrinth, das zuerst für die Schweizerische Landesausstellung in Genf geschaffen wurde und dann im Haus Metropol in Zürich stand, für 15'500 Schweizer Franken. Die Anschaffung des Irrgartens war in der Familie umstritten, wurde jedoch zu einem regelrechten Publikumsmagneten und sollte die Erfolgsgeschichte des Gletschergartens Luzern bis heute prägen.

 

Gletschergarten

Postkarte mit Kaiser Menelik II. aus Wachs im Spiegellabyrinth, 1901. Stadtarchiv Luzern, F2 PA40 / 04.01:06

Werbeplakat, ca. 1899

Werbeplakat, ca. 1899. Art. Institut Orell Füssli Zürich (Hg.): Die Graphische Sammlung (GS) der Schweizerischen Nationalbibliothek, SNL_TOUR_690

Faltprospekt, 1903

Faltprospekt, 1903. Huber, Amacher und Co. (Hg.): Caerdroia 37/2008

 

Am 25. Juni 1899 wurde das Spiegellabyrinth im Gletschergarten Luzern eröffnet. Auf der Postkarte, dem Werbeplakat und dem Faltprospekt um 1900 (v. l.)  kommt die bunte Mischung an «Orientbildern» im Spiegellabyrinth zum Ausdruck. Diese sogenannten «Orientbilder» wurden im 18. und 19. Jahrhundert von Menschen in Europa gemacht. Sie zeigen, wie sich Europäerinnen und Europäer den «Orient» (also Länder in Südeuropa, im Nahen Osten und Asien) vorgestellt haben. Dabei haben sie viele Vorurteile und Klischees benutzt und stellten den «Orient» oft als fremd, geheimnisvoll und exotisch dar.


Die Schweizerische Landesausstellung in Genf 1896

Das Spiegellabyrinth wurde ursprünglich vom Zürcher Architekten Heinrich Ernst für die Schweizerische Landesausstellung 1896 in Genf erstellt. Die Ausstellung sollte ein übersichtliches Bild der Leistungsfähigkeit des Schweizer Volkes präsentieren und bestand unter anderem aus einem Village suisse sowie einem Village noire
Das Nouveau Labyrinthe oriental, Palais des Glaces aus damals 90 Spiegeln wurde im maurischen Stil gebaut und ist mit dem Löwenbrunnen sowie dem Rosengarten der Stadtburg Alhambra in Granada, Spanien, nachempfunden. Zusammen mit der Wachsfigurengruppe um den äthiopischen Kaiser Menelik II. widerspiegelt das Labyrinth eine bunte Mischung an sogenannten «Orientbildern». Das Labyrinth stand während der Landesausstellung 1896 im Parc de Plaisance und stellte somit ein entgegenstehendes Fremdbild zum Village suisse dar. Dieser Gegensatz zeigte sich auch auf den Werbeplakaten für die Schweizerische Landesausstellung in Genf 1896.

Affiche Landesausstellung Genf

Schweizerische Landesausstellung 1896, Genf 1. Mai - 15. Oktober. Pinchart, Auguste / Lith. & Druck v. Gebr. Fretz (Hg.): Die Graphische Sammlung (GS) der Schweizerischen Nationalbibliothek, SNL_EXPO_35

Affiche Landesausstellung Genf

Exposition nationale suisse 1896, le continent noir au Parc de plaisance de Genève. Affiches Camis Paris(Hg.): Die Graphische Sammlung (GS) der Schweizerischen Nationalbibliothek, SNL_EXPO_4

 

 

 

 

Rund 100 Jahre nach seiner Entstehung wurde das Spiegellabyrinth vollständig rekonstruiert, teilweise neu gestaltet und im Jahr 1991 am heutigen Standort, an der Südostseite des Schweizerhauses, wiedereröffnet. Was unverändert blieb, war einerseits die ungebrochene Faszination der Besucher*innen am Irrgarten – das Spiegellabyrinth gehört zu den bestbesuchten Attraktionen des Gletschergartens. Anderseits blieb das Spannungsverhältnis zwischen Unterhaltung und Bildung, welches den Gletschergarten Luzern prägt. 

«Irrwisch im orientalischen Labyrinth»

Anlässlich der Wiedereröffnung des Spiegellabyrinths erschien am 4. Juli 1991 ein Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung. Der Artikel geht auf die Geschichte des Gletschergartens Luzern und insbesondere seines berühmten Spiegellabyrinth ein.
Ursprünglich begann alles 1872, als Josef Wilhelm Amrein-Troller beim Bau eines Weinkellers zufällig Gletschertöpfe entdeckte. Daraus entstand der Gletschergarten Luzern, der den Besucher*innen die Erdgeschichte vom subtropischen Luzern bis zur Eiszeit erlebbar macht. 1898 hatte die Witwe Marie Amrein-Troller den Mut das Naturmuseum um eine Attraktion zu erweitern, welches nicht so ganz zur bisherigen erdgeschichtlichen Ausrichtung passte: das Spiegellabyrinth. 
Nach fast 100 Jahren intensiver Nutzung wurde das stark abgenutzte Spiegellabyrinth nicht einfach renoviert, sondern neu gebaut und an seinen heutigen Standort verlegt.

Das neue Labyrinth bestand aus 124 Spiegel-Dreiecken auf 137 m², eingebettet in ein farbenfrohes «orientalisches» Design mit Musik und optischen Illusionen.
Der Artikel beschreibt das neue Labyrinth als ein sinnliches Erlebnis, bei dem Besucher*innen sich selbst in unzähligen Spiegelbildern begegnen, die Orientierung verlieren und von märchenhaften Szenerien umgeben sind. Trotz (oder gerade wegen) seines Kontrasts zur ernsten Geologie bleibt das Labyrinth ein beliebtes Highlight. Dies widerspiegelt sich in den Worten der Museumsdokumentation, welche im NZZ-Artikel zitiert wurde: «Finden Sie diese Jahrmarktattraktion neben einem einzigartigen Naturdenkmal unpassend? Wir auch! Hatten Sie trotzdem Freude daran? Wir auch!»

 

Auch der damalige Direktor Peter Wick geht im folgenden Beitrag von Schweiz aktuell auf das Spannungsverhältnis zwischen Bildung und Unterhaltung ein:  

Im Spiegellabyrinth ist nichts, wie es auf den ersten Blick scheint. Nebst einem Erlebnis ist das Spiegellabyrinth auch ein (un)sichtbarer Erinnerungsraum für die Pionierleistung von Marie Amrein-Troller, die Schweizerische Landesausstellung in Genf 1896 und den «Orientalismus» im 19. und 20. Jahrhundert. Das Spiegellabyrinth prägte die Geschichte des Gletschergartens Luzern.

Comic Gletschergarten

Weinhandel oder Verkauf von Schweiz-Bildern?

Comic Gletschergarten

 

Verkauf von Schweiz-Bildern:

Das Schweizerhaus

1874 bezogen Joseph und Marie Amrein-Troller im Gletschergarten ihr neues Wohnhaus. Es ist im Schweizerhaus-Stil gebaut, der ab dem späten 18. Jahrhundert auch nach Deutschland, Österreich-Ungarn und Skandinavien ausstrahlte. Europa war damals von der Schweiz begeistert: Viele sahen in der Lebensweise in den Alpen das romantische Ideal der Naturverbundenheit verwirklicht. Der Schweizerhaus-Stil verkörperte so das Gegenbild zur aufkommenden Industrialisierung mit ihren russigen Fabrikschloten und unpersönlichen Backsteingebäuden.
Amrein nutzte den Zeitgeist dank seines Geschäftssinns geschickt. Da er auf dem Gelände keine Weinhandlung errichten konnte, fand er einen anderen Weg, seine wirtschaftlichen Absichten zu verwirklichen: Das breite internationale Echo, das der Fund der Gletschertöpfe ausgelöst hatte, und der touristische Aufschwung Luzerns ab Mitte des 19. Jahrhunderts bestärkten ihn darin, Verkäufer von Schweiz-Bildern zu werden – wissenschaftlichen und mythischen. Im Schweizerhaus, das seine Frau Marie nach dessen Tod 1881 zum Museum ausbaute, sind geologische Objekte, aber auch Möbel und Zierrat der Familie ausgestellt. Und im Alpenpark streifen Touristen durch eine Alpenwelt en miniature und erleben den Alpenmythos der Schweiz.

 

Schweizerhaus

Das Schweizerhaus nach der Renovation 2022. Bild: Daniela Burkart

 

Ein neuer Blick auf die Bergwelt:

Das Relief der Urschweiz

1873 gelang Joseph Amrein ein veritabler Coup, der noch heute Besucherinnen und Besucher anzieht: In einem Vertrag mit der Korporationsverwaltung Luzern sicherte er sich das Recht, das «Relief der Urschweiz» von Franz Ludwig Pfyffer von Wyher (1716-1802) auszustellen. Es ist heute im Untergeschoss des Schweizerhauses untergebracht. Pfyffer hatte 14 Jahre lang an diesem Relief gearbeitet. 2000 wurde es restauriert.
Das Relief ist das älteste erhaltene der Schweiz und ein ziemlich genaues Abbild der Landestopografie. Es stellt im Massstab von etwa 1:11’500 den Vierwaldstätter See mit den Kantonen Luzern, Zug, Ob- und Nidwalden und angrenzende Gebiete von Uri, Schwyz und Bern dar. 
Gleichzeitig ist das Relief ein Zeitzeugnis für den veränderten Blick der Menschen auf die Alpenwelt: Man schaute nicht mehr staunend und furchtsam nach oben, sondern neu forschend und schweifend hinab. Der Blickwechsel bestimmte auch das Verhältnis der Menschen zu den Bergen neu: Die Alpen sind nicht mehr bedrohlich, sondern erhaben. Und nicht Gott, sondern die Natur hat diese Welt erschaffen. Damit wurde die Natur, insbesondere die Gletscher und das Wasser der Alpenwelt, selbst zur Gestalterin der Landschaft.
Bereits im 18. Jahrhundert entdeckten Städter die Alpenwelt für sich. Im 19. Jahrhundert wurde sie erobert – 1871 nahm die Rigibahn ihren Betrieb auf, 1882 wurde die Gotthardbahn eröffnet, an die Luzern 1897 angeschlossen wurde – und heute wird sie durch den Massentourismus weiterhin wirtschaftlich verwertet.

Restaurierung des Reliefs in einem SRF-Beitrag

 

Schweizerhaus

«Relief der Urschweiz» im Gletschergarten Luzern

 

Entdeckung und Eroberung der Alpenwelt
 
Der Alpenmythos

 

Der Erfolg des Gletschergartens gründet auch darauf, dass das Alpenerlebnis gekauft werden kann – mitten in der Stadt und ohne Anstrengung des Aufstiegs. Im Alpenpark durchwandern Touristinnen und Touristen einen Saumweg gleichsam einer steilen Bergwanderung, kommen an einem Alphüttli vorbei und machen Halt in einer nachgebildeten SAC-Hütte, in der sie auf ein 3-D-Diorama des Walliser Gornergletschers in seiner Ausdehnung um 1850 blicken.
Bewusst oder unbewusst, Touristinnen und Touristen erleben auf diese Weise Teil eine der mythischen Ursprungsgeschichten der Eidgenossenschaft, die nach dem Sonderbundskrieg von 1847 die Funktion hatten, den jungen Schweizer Staat als Einheit zu festigen: in diesem Fall die Alpen als Ausdruck von Grösse, Einzigartigkeit und Besonderheit der Schweiz. Wie überall in Europa während der Nationsbildungsprozesse im 19. Jahrhundert dienten auch hierzulande Mythen zur Identitätsstiftung. Der Mythos, sagt der Literaturtheoretiker Roland Barthes, verwandelt Geschichte in Natur und überführt sie in etwas Ewiges, das eben von Natur aus existiert – wie die Alpen als Wesensmerkmal der Schweiz.

Ersatz-Alpenerlebnis für Touristinnen und Touristen: Blick auf das 3-D-Diorama des Gornergletschers im Alpenpark des Gletschergartens. Gletschergarten Luzern.

Ersatz-Alpenerlebnis für Touristinnen und Touristen: Blick auf das 3-D-Diorama des Gornergletschers im Alpenpark des Gletschergartens. Bild: Gletschergarten Luzern

 

Comic Gletschergarten

Warum noch eine Attraktion?

Comic Gletschergarten

 

Der Bau des Projekts Fels

 

In den 1970er und 1980er Jahren zog es jährlich rund 180 000 Besucherinnen und Besucher in den Gletschergarten. In den Jahren darauf sanken die Besucherzahlen und stagnierten schliesslich 2013 bei jährlich 120 000 Eintritten. Um auf diesen Besucherschwund zu reagieren, entstand die neue Attraktion "Felsenwelt", die im Juni 2021 eröffnet wurde. Beim Bau der Anlage durch den Felsen, die mehr als 500 Sprengungen benötigte, sind geologische Strukturen wie Strömungsrippeln und sogar eine Rutschharnische zum Vorschein gekommen. Strömungsrippeln entstehen im flachen Wasser eines Urmeeres. Die rhythmische Bewegung von Gezeitenströmen überträgt sich in den Sand und werden durch rasche Ablagerung im Sediment des ozeanischen Untergrunds konserviert. Beim Rutschharnisch handelt es sich um ein Ensemble feiner, paralleler Rutschspuren, die sich während der Alpenfaltung zwischen zwei Felsschichten bildeten. Sie entstanden durch die Reibung, die beim gegenseitigen Verschieben grosser Gesteinseinheiten auftritt.

 

Big-Bang im Gletschergarten. Zur Erweiterung des Parks im Felsen sind über 500 Sprengungen nötig gewesen.

 

 

Luzern am Meer

 

Da der bisherige Park sich vorwiegend von den geologischen Entwicklungen seit der Eiszeit und des Zeitalters des Menschen geprägt war, so öffnet die neuentstandene "Felsenwelt" diesen hin Richtung Vergangenheit und auch in die Zukunft. Die Zeitreise zum "Mittelpunkt der Zeit", wie es so schön im Parkführer steht, nimmt uns mit in eine Zeit vor 20 Millionen Jahren, als der Luzerner Sandstein noch am Grund des Urmeers Tethys zu finden war. Im seichten Küstengebiet fand man Quallen, Rochen und Haie, aber auch Palmen, Farne und Hauerelefanten (Vorfahren der heutigen Elefanten) die von den seichten Gewässern, dem tropischen Klima und der angrenzenden Sumpf- und Graslandschaften profitierten.
Durch die Kollision der eurasischen und der afrikanischen Erdplatten  falteten sich die Alpen und an die Stelle der Tethys traten die Alpen. Vor rund 2,5 Millionen Jahren kühlte sich das Klima in Europa ab und in den Alpen bildeten sich Gletscher. Die letzte Eiszeit hatte begonnen. Das Gletschereis drang mehrfach bis ins weite Mittelland vor. Das letzte Mal geschah dies vor 20 000 Jahren. Von diesem Ereignis zeugen auch heute noch Moränen, Seen und Überreste von Mammuts, Gnus und Hasen. Gegen Ende dieser letzten Eiszeit begannen die Menschen, die von Eis befreiten Gebiete im Raum Luzern zu besiedeln.

 

Felsenwelt

Eingang der Felsenwelt. Foto: Nina Oderbolz im Gletschergarten, 3. Juni 2025

Die Felsenwelt
 

Folgen die Besucher:innen dem Weg in den Felsen hinein, können sie diese Zeiten selbst erfahren. Am "Mittelpunkt der Zeit" wie es die Broschüre des Gletschergartens so passend beschreibt wird, erreichen die Besuchenden den tiefsten Punkt der "Felsenwelt". Mit dem dort zu findenden "Felsensee" kehren sie auch in die Gegenwart zurück. Die tickende Uhr und der sich entwickelnde Strudel der Zeit, welcher von Zeit zu Zeit im "Felsensee" entsteht, soll aufzeigen, dass das Hier und Jetzt, gemessen an der erdgeschichtlichen Zeitdimension, nur ein winziger Punkt zwischen Vergangenheit und Zukunft ist.

Am Grund des Urmeers

 

 
Reise zum Mittelpunkt der Zeit

 

All diese Phänomene über die urzeitliche Geschichte Luzerns werden den Besuchenden nicht mittels Texten auf die Augen gedrückt. Denn wie Andreas Burri, Leiter des Gletschergartens, im SRF-Interview erklärt, orientierten sie sich bei der Entwicklung der "Felsenwelt" an Jules Vernes "Reise zum Mittelpunkt der Erde". In Jules Vernes Roman steigen die Protagonisten, der Geologieprofessor Lidenbrock und sein Neffe Axel, nur mit einer elektrischen Laterne in den Krater hinab und auf dem Weg zum Mittelpunkt der Erde gibt es keine Hinweisschilder, welche die Naturphänomene erklären. Auf dieses Prinzip greift auch die Felsenwelt zurück. Die Besuchenden sollen staunen und erleben können. Wie Burri festhält, braucht es zuerst ein Erlebnis, bevor man sich kognitiv mit den Dingen und den Zusammenhängen beschäftigen könne. Der Gletschergarten nutzt dadurch gekonnt die sinnlich-ästhetische Erfahrung, um die Besuchenden zur aktiven Auseinandersetzung mit der Thematik Eiszeit und Erderwärmung zu bewegen.

Auf unterirdischer Zeitreise im Luzerner Gletschergarten.  Regionaljournal Zentralschweiz vom 15.07.2021

 

Comic Gletschergarten
Und jetzt? Die Reise geht weiter – in Memobase!

Sie haben mit Emily und Matt die faszinierende Geschichte des Gletschergartens Luzern erlebt – von Gletschertöpfen über Spiegelwelten bis zur Felsenwelt. Doch das war nur ein Kapitel.

Bleiben Sie mit uns in Verbindung und entdecken Sie, wie sich Naturgeschichte, Museumspädagogik und das audiovisuelle Kulturerbe der Schweiz weiterentwickeln. Ob digital über Memobase, oder bei Ihrem nächsten Besuch vor Ort – Ihre Neugier bringt Geschichte zum Leben. Folgen Sie uns, teilen Sie Ihre Eindrücke – und bleiben Sie Teil der Reise durch Raum und Zeit!

Impressum
Projektteam und Mitwirkende

Konzept und Projektleitung: Cécile Vilas (Memoriav) und Christine Szkiet (PH Luzern)
Inhaltserstellung, Medienauswahl und Storytelling: Christine Szkiet, Sandro Meier, Harriet Blättler, Andrea Gautschi, Nina Oderbolz, Dario Venutti (PH Luzern)
Comic-Illustrationen: Harriet Blättler (PH Luzern)
Online-Redaktion: Consuelo Salvadori (Memoriav)

Datum: September 2025

 

Literatur

Tourismus

Bürgi, Andreas (2016): Eine touristische Bilderfabrik. Kommerz, Vergnügen und Belehrung am Luzerner Löwenplatz, 1850-1914. Chronos Verlag, Zürich; (2018): Urwelten und Irrwege. Eine Geschichte des Luzerner Gletschergartens und der Gründerfamilie Amrein, 1873-2018. Chronos Verlag, Zürich.

Gletschergarten (o.A.): Reise zum Mittelpunkt der Zeit – Parkführer.

Schumacher, Beatrice (2015): Kleine Geschichte der Stadt Luzern. Hier und Jetzt Verlag, Baden.

Stadt Luzern (o.A.): Das Löwendenkmal. Online: https://www.loewendenkmal-luzern.ch/; (o.A.): Naturdenkmal – Kuriositätenkabinett – Erlebnisort, Online: https://www.stadtluzern.ch/dokumentebilder/bildergalerien/detail/37913

 

Gletschertöpfe

Bergier, Jean-François et al. (2013): Alpen. In: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/008569/2013-07-17/ (abgerufen am 25. Mai 2025).

Bürgi, Andreas (2018): Urwelten und Irrwege: Eine Geschichte des Luzerner Gletschergartens und der Gründerfamilie Amrein, 1873-2018. Chronos Verlag, Zürich.

Gruner, G. S. (1760): Die Eisgebirge des Schweizerlandes. Online: https://www.e-rara.ch/zut/doi/10.3931/e-rara-8676

Haeberli, Wilfried (2009): Gletscherschwund – Verlust eines Mythos? Online: https://doi.org/10.5167/UZH-24349

Haeberli, Wilfried, & Holzhauser, Hanspeter (2010): "Glaziologie", in Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). Online:https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/024472/2010-04-01/

Huss, Matthias (2024): Starke Gletscherschmelze trotz viel Schnee in der Höhe. Departement Bau, Umwelt und Geomatik, ETH Zürich. Abgerufen am 20. Mai 2025. Online: https://baug.ethz.ch/news-und-veranstaltungen/news/2024/10/starke-gletscherschmelze-trotz-viel-schnee-in-der-hoehe.html

International Year of glaciers’ preservation 2025. Online: https://wgms.ch/iygp/ 

Läubli, Martin (2020): "Der Fall Louis Agassiz". In Tages-Anzeiger, 26. August 2020. Online: https://www.tagesanzeiger.ch/der-fall-louis-agassiz-905219299603

Lysser, Gabi (2025): Nicht auf Eis gelegt. Blog zur Schweizer Geschichte - Schweizerisches Nationalmuseum. Online: https://blog.nationalmuseum.ch/2025/03/nicht-auf-eis-gelegt/; (o.A.): 5.1 Das Verhältnis der Bergbevölkerung zu den Gletschern | Geomorphologie der kalten Bergregionen. Online: https://geomorphologie-montagne.ch/de/5-1-das-verhaeltnis-der-bergbevoelkerung-zu-den-gletscher/

Metzker, Peter (2007): Alpinwandern Schweiz: Von Hütte zu Hütte. SAC-Verlag Schweizer Alpen-Club, Bern.

Stoffler, Johannes (2016): Bergwelt inmitten der Stadt: Der Gletschergarten Luzern: Eine malerische 'Bricolage' des Alpentourismus. Online: https://doi.org/10.5169/SEALS-727015

World Glacier Monitoring Service (o.A.): WGMS – World Glacier Monitoring Service. Online: https://wgms.ch/

 

Spiegellabyrynth

Burri, Andreas (Direktor Gletschergarten Luzern): Medienmitteilung «Gletschergarten Luzern: Spiegellabyrinth wieder offen», 2020.

Germann, Urs (Schweizerische Bundesarchiv): Bericht zuhanden der GPK-SR «Die Landesausstellungen 1883, 1896, 1914, 1939 und 1964». Online: https://www.parlament.ch/centers/documents/de/ed-pa-aufsichtskommission…

Greenfield, Richard David: "Menilek II – emperor of Ethiopia", in Encylcopaedia Britannica. Online: https://www.britannica.com/biography/Menilek-II 

Kreis, Georg: "Landesausstellungen", in Historisches Lexikon der Schweiz (HLS). Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/013796/2010-09-22/ 

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