Bildungsreform bei der Bahn

«Die starke Ausweitung des Wissens, die steile Entwicklung der Technik und die raschen Strukturwandlungen stellen an die beruflichen Qualifikationen immer höhere Anforderungen. Sie verlangen zudem ein ständiges Um- und Neulernen. Ein auf die Zukunft gerichtetes Unternehmen muss daher bereit sein, im Rahmen eines planvollen Gesamtkonzepts in allen Belangen beruflicher Aus- und Weiterbildung wesentlich mehr zu leisten und zu investieren als früher.» (SBB-Nachrichtenblatt 5/1973)

Anfang der 1970er-Jahre setzte sich die SBB mit ihrer Ausbildungspolitik auseinander. Einerseits führte die Technisierung zu steigenden beruflichen Anforderungen und dem Bedarf nach neuen Weiterbildungsmöglichkeiten. Andererseits forderten steigende Personalkosten eine Rationalisierung und Zentralisierung der Ausbildungsangebote. Zudem sollte dem Berufsbild durch modernere Ausbildungsmethoden mehr Attraktivität verliehen werden. Um diese Ziele zu erreichen war ein auf das Unternehmen zugeschnittenes, eigenes Ausbildungszentrum gewünscht.

 

Lernender am mechanischen Stellwerk in der Verkehrsschule St. Gallen

Lernender am mechanischen Stellwerk in der Verkehrsschule St. Gallen, Abteilung Bahn. Foto: SBB Historic

Lernende an der Ausbildungsanlage der Verkehrsschule St. Gallen

Lernende an der Ausbildungsanlage der Verkehrsschule St. Gallen, Abteilung Bahn. Foto: SBB Historic

 

Lernender an Ausbildungsanlage der Verkehrsschule St. Gallen.
Realisierung eines Ausbildungszentrums
Ausbildungszentrum Luftaufnahme

Ausbildungszentrum im Grünen: Das Gut Löwenberg mit historischem Landsitz und neuem Ausbildungsgebäude. Foto: SBB Historic

 

Das Ausbildungszentrum Löwenberg im Entstehen, Bau der Wohnpavillons.

Das Ausbildungszentrum Löwenberg im Entstehen, Bau der Wohnpavillons. Foto: SBB Historic

Das Schulgebäude im Bau.

Das Schulgebäude im Bau. Foto: SBB Historic

 

 

Die Generaldirektion der SBB hatte bereits auf den 1. Januar 1971 die Stelle eines Beauftragten für die Planung eines Ausbildungszentrums geschaffen. Das Zentrum sollte alle Arten der innerbetrieblichen Bildung aufgreifen und auf modernen Ausbildungskonzeptionen aufbauen. Bei der Suche nach einem Standort fiel die Wahl schliesslich auf Murten, das kurze Reisedistanzen zum Sitz der Generaldirektion in Bern aufwies und ideal zwischen deutsch- und französischsprachiger Schweiz lag. Der Landerwerb 1973 bildete den Start für den Architekturwettbewerb. Da viele verschiedene Ausbildungsbedürfnisse identifiziert worden waren, strebten die Planungsbeauftragten eine Gliederung in verschiedene Gebäude an. Die Bauaufgabe bestand darin, Schulbauten für 550 Kursteilnehmende verschiedenster Sparten zu realisieren, dazu noch Unterkünfte, Verpflegungsräume sowie Sport- und Freizeitanlagen. Der Spatenstich erfolgte am 1. Oktober 1980, am 8. Juni 1983 wurde das AZL feierlich eröffnet.

Die Unterrichtsräume im Entstehen.

Die Unterrichtsräume im Entstehen. Foto: SBB Historic

 

videotestbild
Ausbildungsvideos

Drehscheibe des AZL war das Informationszentrum. Neben einer grossen Auswahl an Printmedien wurden dort auch Videos angeboten, die im Zuge der Modernisierung der Unterrichtsmethoden eine wichtige Rolle eingenommen hatten. Für die Videokonsultation standen eingerichtete Stationen zur Verfügung, an denen die Kassetten selbständig angeschaut werden konnten. Die Videos behandelten Themen wie Arbeitssicherheit, Unfallverhütung, Mitarbeiterführung und Psychologie. Enthalten sind aber auch Erklärungen zu technischen Einrichtungen und Arbeitsabläufen, Verkaufs- und Gesprächstechniken mit Kunden, Arbeitsdokumentationen von Werkstätten und Bahnberufen sowie Streckenaufnahmen aus dem Führerstand für die Schulung der Lokführer. Der Mitarbeiterstab im AZL war dreisprachig, weshalb die produzierten Videos in den Landessprachen Deutsch, Französisch und Italienisch vorliegen.

 

 

 

Technische Einrichtung zur Videoproduktion
«Moderne Technologie in den Dienst des Menschen zu stellen, entspricht dem Wesen der Eisenbahn. Daran wird sich sicher ein grosser Teil der Ausbildung im Löwenberg orientieren» (SBB-Nachrichtenblatt 6/1983)

Die Ausbildungsvideos wurden zu einem grossen Teil direkt im AZL produziert. Dafür stand ein professioneller Produktionsbereich für Video und Film verschiedenster Formate wie U-Matic, VHS, Super8 oder 16mm-Film zur Verfügung. Hier wurden Ausbildungsvideos zu verschiedensten Lehrgängen produziert, beispielsweise zur fahrdienstlichen Grundausbildung, für die Bereiche Sicherungswesen, Elektrische Anlagen und Fahrleitungen oder für die Kraftwerksdienste. Bereits 1981 wurden erste audiovisuelle Medien durch die Organe des Ausbildungszentrums erarbeitet und der Umfang an audiovisuellen Produktionen nahm danach stetig zu. Die Beschaffung verschiedener audiovisueller Schulungsgeräte und Hilfsmittel war zeitintensiv, führte aber längerfristig dazu, dass die SBB beim Einsatz von technischen – insbesondere audiovisuellen – Hilfsmitteln zu den Vorreitern in der Schweiz gehörte.

Videoequipment im Ausbildungszentrum Löwenberg.

Videoequipment im Ausbildungszentrum Löwenberg. Foto: Alain D. Boillat / SBB Historic

Computerraum im Ausbildungszentrum Löwenberg.

Computerraum im Ausbildungszentrum Löwenberg. Foto: Alain D. Boillat / SBB Historic

 

Unterricht mit Einsatz von audiovisueller Technik.

Unterricht mit Einsatz von audiovisueller Technik. Foto: Alain D. Boillat / SBB Historic 

Ausbildung am Personal Computer.

Ausbildung am Personal Computer. Foto: Alain D. Boillat / SBB Historic 

 

Multimediaraum AZL
Trainingsanlagen und Spezialeinrichtung

Für praktisch orientierte Lehrgänge war die SBB bestrebt, wirklichkeitsgetreue Trainingsanlagen mit Spezialeinrichtungen aufzubauen. Deshalb wurden neben Klassen-, PC-, und Gruppenräumen auch eine Vielzahl von Spezialräumen mit eisenbahntechnischen Arbeitsinstrumenten aufgebaut. Dazu gehörten u.a. Fahrleitungseinrichtungen, Verkaufsanlagen oder Werkstätten für handwerkliche Arbeiten. Teil des AZL war auch eine Modellbahnanlage mit ca. 900 m Strecke. Diese diente der Ausbildung des Stationspersonals. Von einem «Lehrerstellpult» (Regiepult) aus wurden Zugsbewegungen simuliert, am «Schülerstellpult» mussten die Auszubildenden die verschiedenen Situationen bewältigen. Über eine Gegensprechanlage konnte mit den Kursleitenden kommuniziert werden. Diese konnten über einen PC die Ausbildung betreiben und beispielsweise auch Störungen einbauen oder den Auszubildenden bei der Problemlösung helfen. Die Anlage verfügte über fünf verschiedene Stellwerktypen.

Ausbildung am Spurplanstellwerk Domino 67 im Bahnhof Blonay, rechts die Modellbahnanlage.

Ausbildung am Spurplanstellwerk Domino 67 im Bahnhof Blonay, rechts die Modellbahnanlage. Foto: Alfred Gfeller / SBB Historic

Ausbildung am Integra-Vertikalschalterwerk im Bahnhof Gerau, im Vordergrund die Modellbahnanlage.

Ausbildung am Integra-Vertikalschalterwerk im Bahnhof Gerau, im Vordergrund die Modellbahnanlage. Foto: Alfred Gfeller / SBB Historic

 

Vom Ausbildungs- zum Tagungszentrum

Im Ausbildungszentrum Löwenberg wurden über Jahrzehnte zahlreiche Eisenbahnfachkräfte ausgebildet. Um eine bessere Auslastung zu erreichen, setzte das SBB-Ausbildungszentrum mit der Zeit vermehrt auf externe Gäste. So wurde etwa während der Expo 2002 ein Drittel aller Übernachtungen von Externen gebucht. Mit der verstärkten Öffnung einher ging auch ein Wandel der Bezeichnung: aus dem Ausbildungszentrum Löwenberg (AZL) wurde das Centre Loewenberg (CEL).

Die in den 1980er-Jahren noch als ideal bezeichnete Lage wurde von der SBB zunehmend weniger positiv wahrgenommen. Im Zuge einer nachhaltigen und zeitgemässen Immobilienstrategie versuchte die SBB vermehrt, Objekte an nicht zentralen Lagen zu verkaufen. Das CEL wurde deshalb 2017 an die Zürcher Immobiliengruppe Novavest verkauft und langfristig zurückgemietet. Ein wesentlicher Grund dafür war auch, dass die Anlage 2016 unter Denkmalschutz gestellt worden war, was Modernisierungsmassnahmen erschwerte. Das in die Jahre gekommene Gebäudeensemble konnte schliesslich zwischen 2020 und 2022 erfolgreich saniert werden. Heute wird das CEL von Internen wie von Externen als Seminar- und Tagungszentrum genutzt.

 

 

Mehr entdecken?

Auf der Memobase sind als Teilbestand von SBB historic insgesamt 168 Videodokumente recherchierbar. Die Videos wurden in den 1980er- und 1990er-Jahren zu Ausbildungszwecken von der SBB produziert. In der Memobase finden Sie beschreibende Informationen zu diesen Dokumenten und wo sie konsultierbar sind. Zum Bestand

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Marc Ribeli, Anna Hagdorn / SBB Historic

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Januar 2023

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