Zäuerli Bestandsbild
Silvesterchlausen

Im Hinterland von Appenzell, Aussenrhoden, findet an jedem 13. Januar, dem Datum des alten Neujahrs, zum Teil auch Julianisches Neujahr oder Orthodoxes Neujahr genannt, eine beeindruckende traditionelle Silvesterfeier statt. Die «Chläuse», kostümierte Gestalten, ziehen in kleinen Gruppen von Hof zu Hof, um den Einwohnern ein gutes neues Jahr zu wünschen.

 

 

Alter Silvester
Am 13. Januar 1938 zeichnete Radio Zürich im Hinterland von Ausserrhoden das sogenannte Silvesterklausen auf, bei dem Männer in traditionellen Männer- und Frauenkleidern oder mit Tannenzweigen, Moos, Tannenzapfen und Rindenstücken um die Häuser ziehen, manchmal allein, vorzugsweise aber in Gruppen. Sie kündigten ihr Kommen durch das Bimmeln von an Hosenträgern befestigten oder um den Hals getragenen Kreiseln und Schellen an und stimmten dann ein Zäuerli (mehrstimmiger Naturjodel) an. Die vorliegende Aufnahme wurde wahrscheinlich am Silvesterabend in einem Gasthaus gemacht. Man erkennt zuerst das dumpfe Geräusch der Kreisel und dann ganz am Ende das schärfere Klingeln der Schellen.

Zäuerli
1942 nahm Paul Budry von Radio Lausanne ein Zäuerli auf, d.h. einen mehrstimmigen Männergesang, wie er bis heute im Appenzellerland bei folkloristischen Anlässen und beim Alpaufzug oder in Gasthäusern zum Vergnügen der Interpreten improvisiert wird.
Um diesen Naturjodel ohne Worte aufzuführen, wird ein Jodelsolo von Begleitstimmen (Gradhäbä) begleitet. Zu dieser Gesangsbegleitung kommt oft ein instrumentaler Teil hinzu, der von drei Männern, die den «Schildreigen» ausführen, oder auch von einem Spiel mit drei Tiroler Kreiseln erzeugt wird.
Bei Letzterem, Schälleschötte genannten, stehen sich zwei Männer gegenüber, von denen einer am Unterarm zwei an einem Riemen befestigte Kreisel trägt, während der zweite mit einem einzigen Kreisel eine Hin- und Herbewegung in einem bestimmten Rhythmus ausführt.

 

 Traditionen und uralte Glaubensvorstellungen

 

 

 

 

In Absprache mit Barbara Piatti, Autorin des Buches Festivals & Traditions in Switzerland, und im Zuge der viersprachigen Veröffentlichung einer illustrierten Webseite über Wintertraditionen in der Schweiz durch Präsenz Schweiz im Dezember 2019: https://houseofswitzerland.org/de/swissstories/gesellschaft/dezemberbr%C3%A4uche-in-der-schweiz, haben wir hier einen Teil der Texte und Themen übernommen und sie mit passenden audiovisuellen Dokumenten aus der Memobase ergänzt. 

Andere Bräuche sind der Arbeit der Bauern und Landwirte gewidmet, etwa in der Romandie, wo der Buche de Noël schon auf die Feldarbeit im kommenden Frühjahr verweist. Wieder andere haben mit der uralten Angst vor den dunklen Winternächten zu tun. In früheren Zeiten glaubten die Menschen, das Tor zum Reich der Geister und Toten stehe in den Rauhnächten rund um den Jahreswechsel weit offen… Gegen dieses „wilden Heer“ nützten nur Gegen- und Abwehrzauber.  Das Prinzip ist simpel: Mit ohrenbetäubendem Lärm und furchterregenden Masken einfach noch schrecklicher daherkommen als die Dämonen der Finsternis und sie so vertreiben, notfalls auch mit Feuer und Wacholder... Aber weshalb feiern wir im Herbst und im Winter mehr Feste als im Sommer? Nicht zuletzt, weil die Bäuerinnen und Bauern, die Sennen- und Hirtenfamilien über die Sommermonate kaum eine freie Minute hatten.  Erst wenn die Arbeit auf den Feldern und Alpweiden ruhte, hatten sie Musse, Feste vorzubereiten: zu sticken und zu nähen, Masken zu schnitzen und zu bemalen, Musik zu machen und allerlei Köstliches zu backen. Bräuche machen das Leben bunter und schöner. Sie sind Glanzlichter im Alltag, sie gliedern das Jahr. Gerade in der kalten Winterzeit berühren sie Herz und Seele. Was gibt es Schöneres, als gemeinsam zu feiern!

 

Barbara Piatti

Dr. phil. Barbara Piatti, Literaturwissenschaftlerin, ist Autorin mehrerer Bücher zu literarischen Landschaften und Reisekultur. Sie betreibt eine eigene Firma für kulturgeschichtliche Projekte (www.barbara-piatti.ch). Zuvor war sie Forschungsgruppenleiterin an der ETH Zürich für das Projekt „Ein literarischer Atlas Europas“.

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Motorrad, Weihnachten, Transport, Verkehr, Mann, Arbeit, Baum, Pflanze

Reportage: Schneiden von Weihnachtsbäumen, 1941-12. Fotobestand Eugen Thierstein,Burgerbibliothek Bern 

NIKOLAUSBRÄUCHE

Allerdings hat sich Sankt Nikolaus seither immer wieder verändert. Manchmal erscheint er als gemütlicher Mann mit Bauch und Pausbacken. Er kann aber auch streng sein und mit ungehorsamen Kindern schimpfen, wenn sie etwa die Zähne nicht gründlich genug putzen. Aber eigentlich immer trägt er einen roten Mantel und einen weissen Rauschebart. Beim Samichlaus-Besuch sagen die Kinder ein Sprüchlein auf und bekommen dafür Mandarinen, Nüsse, Schokolade, vielleicht sogar einen Lebkuchen.

 

 

Der Samichlaus von heute nutzt viele verschiedene Fortbewegungsarten: In Freiburg sitzt er auf seinem Esel Balabou. In Näfels wird er mit der Kutsche aus dem Wald abgeholt. In Brunnen kommt der Samichlaus mit dem Boot über den See. In Interlaken nimmt er den Zug. In Basel und Zürich schwingt er sich manchmal sogar auf ein Motorrad.

 

Die Klausenjäger unterwegs: 1400 Männer und Knaben im weissen Hirtenhemd und mit Glocken ausgestattet. Ihnen folgen die Lichtkläuse mit ihren mächtigen Kopfaufsätzen (Ifflen) – gefertigt aus Karton und Seidenpapier und von innen mit Kerzen beleuchtet. Im Tanzschritt rücken sie vor. Wie wandelnde Kirchenfenster sehen sie aus.
Appenzeller Chlause-Züüg

Wenn es einmal etwas anderes sein soll als ein klassisch geschmückter Weihnachtsbaum, wissen die Appenzeller und Appenzellerinnen Rat: Der «Chlause-Züüg» besteht aus einem Holzgerüst und essbarem Schmuck – Chlause-Bickli (verzierte Lebkuchen), Devisli (Zuckergebäck) und Äpfel. Dieser «Baum» wird in der Adventszeit Stück für Stück aufgebaut. An Weihnachten ist er fertig und der Blickfang in jedem Wohnzimmer, jedem Schaufenster, jeder Wirtsstube.

WEIHNACHTSBRÄUCHE

 

An Weihnachten feiern wir die Ankunft Christi auf Erden. An diesem Tag leuchtet alles festlich. Musik liegt in der Luft. Die Kirchen sind voll und die Menschen geniessen die festliche und freudige Stimmung. Im Familienkreis lassen Weihnachtsbaum, Weihnachtslieder, Gebäck, das Festessen und die Geschenke die Herzen von Klein und Gross höherschlagen.

 

 Josef und Meinrad Inglin, Margrit Abegg-Eberle (? Oder Josephine Inglin -Eberle) schmücken den Christbaum

Josef und Meinrad Inglin, Margrit Abegg-Eberle (? Oder Josephine Inglin -Eberle) schmücken den Christbaum, 1933 (?) Fotosammlung Nachlass Meinrad Inglin, Kantonsbibliothek Schwyz

 

 
 
 
 
 

osef und Meinrad Inglin, Margrit Abegg-Eberle (? Oder Josephine Inglin -Eberle) schmücken den Christbaum, 1933 (?), du: Meinrad Inglin-Stiftung Schwyz, Kantonsbibliothek Schwyz, Fotosammlung Nachlass Meinrad Inglin, 290102, Online: https://memobase.ch/fr/object/smi-001-290102, État: 22. novembre 2022

Weihnachtskrippen

Die ersten kleinformatigen Krippen mit Geburt-Christi-Darstellungen, entstanden mit den Jesuiten im 16. Jahrhundert in den Kirchen Prags auf. Ende des 19. Jahrhunderts erschienen die aus Ton geformten Santons (von santouns: kleine Heilige), die ursprünglich aus der Provence stammten. Diese Figuren stellen alle kleinen traditionellen Berufe dar.

Silvesterbräuche

Zum Jahreswechsel ist es Zeit für eine grosse Party: Her mit Feuerwerk, Tischbomben, Champagner für die Grossen und Traubensaft «mit Blööterli» für die Kleinen! Allerdings ging es nicht immer so ausgelassen zu und her. Früher ging in den zwölf «Raunächten» zwischen Weihnachten und Dreikönigstag die Angst um. Die Menschen glaubten, dass in dieser Zeit das Tor zum Geisterreich sperrangelweit offenstehe: Böse Geister und die Seelen der Toten fegen als «wildes Heer» durch die Lüfte.

Das Feuerwerk von heute, die Raketen und Böllerschüsse zeugen noch davon, dass man sich das Unheimliche mit Lärm und Licht vom Leib halten wollte. In manchen Bräuchen ist noch etwas vom Schrecken der «Raunächte» zu spüren.

Achetringeler in Laupen
«Si chöme, sie chöme!» Ein Zug wilder Gesellen wälzt sich vom Schloss hinunter in die Altstadt, an der Spitze gehen ein Anführer und zwölf «Bäsemanne». Schon die Ausstattung wirkt einschüchternd: Holzmasken, dazu ein mächtiger Wacholderbesen auf der Schulter und «Söiblatere» (Schweineblasen) am Gürtel. Dahinter folgen die «Glöggler» und machen ohrenbetäubenden Krach. Unten im Dorf bilden die Männer einen Kreis. Langsam werden die Besen gesenkt und in die Reihe der Zuschauer gestossen. So wird alles Böse verscheucht. Wacholder ist eine alte Heilpflanze. In den Bergen räuchert man mit ihrem Holz bis heute Stall und Haus aus, um Geister zu vertreiben.

 

 

Impressum

Diese Vitrine wurde realisiert von:

Konzept:

Redaktion:


 

Datum:

Memoriav


Valérie Sierro Wildberger

Valérie Sierro Wildberger avec des textes de
Barbara Piatti
 

01.12.2022

 

Quellen

 

 

Siehe auch
Magazinhof Gebrüder Sulzer Winterthur
Vitrinen

Echo der Industrie

Mit dem Sulzerareal als neuem Festivalstandort sind die Internationalen Kurzfilmtage in einen geschichtsträchtigen Stadtteil von Winterthur gezogen: das Herz der Winterthurer Giesserei- und Maschinenindustrie. Im Rahmen der 26. Festivalausgabe (8.-13.11.2022) haben Memoriav und die Kurzfilmtage dieses wichtige Kapitel der Schweizer Industriegeschichte wieder aufleben lassen.
Bundesrat Arthur Hoffmann besucht während des 1. Weltkriegs gemeinsam mit Bundesratskollegen und höheren Offizieren Truppen in Les Rangiers.
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Das Historische Lexikon der Schweiz HLS vervollständigt und aktualisiert seine Bundesratsbiografien. Dabei werden auch die jeweiligen Multimediaprogramme ergänzt oder komplett neu erarbeitet.