Karte von Osteuropa

Der Ungarn-Aufstand 1956

Von 1945 bis 1991, im Kalten Krieg, war Europa gespalten.

Die Sowjetunion hatte sich die Herrschaft über Satellitenstaaten gesichert. Der Westen fürchtete sich vor einem Angriff der Sowjetunion.

 

Die neutralen Staaten Österreich und Schweiz fühlten sich besonders gefährdet.

Die Menschen dieser Staaten solidarisierten sich mit den Ungarinnen und Ungarn, als diese sich 1956 gegen die sowjetische Herrschaft erhoben. Aber der Aufstand wurde niedergeschlagen. Die Westmächte unterstützten den Aufstand nicht.

 

 
Beiträge zum Ungarnaufstand

Bewegte Bilder über den Ungarnaufstand zeigte damals nur die «Schweizer Filmwochenschau». Sie  wurde wöchentlich in allen Kinos als Vorprogramm vorgeführt. Denn das Fernsehen war noch nicht verbreitet. 

In den Jahren 1956/57 widmete die «Schweizer Filmwochenschau» 14 Beiträge dem Ungarnaufstand. Einige davon stellen wir in den folgenden Kapiteln genauer vor. Darüber hinaus haben wir zum Thema Unterrichtsunterlagen für Lehrer*innen zusammengestellt.

Schweizer Filmwochenschau

Die offizielle «Schweizer Filmwochenschau» wurde am 30. August 1939 durch den Bundesrat ins Leben gerufen, um den ausländischen Nachrichtensendungen eine schweizerische Sicht entgegenzusetzen.

Die Ausstrahlungen starteten am 1. August 1940 mit einer Dauer von 7–8 Minuten und 5–7 Themen wurden wöchentlich in den Kinos als Vorprogramm vorgeführt. Während des Zweiten Weltkrieges zeigten alle Schweizer Kinos die Filmwochenschau.

Mit dem Aufkommen des Fernsehens verlor sie allmählich an Bedeutung. Aber mindestens in den Deutschschweizer Kinos wurde sie bis 1975 gezeigt. Dann wurde sie eingestellt.​​​​​

Durchschnittlich dauert ein Filmwochenschau-Beitrag eine Minute. Am 26. Oktober ist zwar von Ungarnkindern im Pestalozzidorf Trogen die Rede gewesen, aber ohne Bezug auf den Aufstand. Am 2. November hat sie in einem kurzen Beitrag die Hilfe gezeigt. Am 9. November aber widmet die Filmwochenschau dem Ungarnaufstand vier Minuten, über die Hälfte des ganzen Films.

Brücke

Der Ungarnaufstand ist bereits vor gut zwei Wochen, am 24. Oktober, ausgebrochen.

Der Filmwochenschau-Beitrag reist gewissermassen mit den Hilfslieferungen von der Schweiz nach Ungarn und von dort mit den Flüchtlingen in die Schweiz zurück. Dabei verändern sich die Voraussetzungen für die Filmaufnahmen.​​​​​

 

Geheimes Filmen

Filmmachen war vor 65 Jahren noch umständlich. Deshalb sind die Filmsequenzen aus Ungarn aus der Ferne oder einem Personenwagen geschossen oder es wurden unbewegliche Gegenstände gefilmt. Der Kommentar benennt die «Unterdrücker» nur indirekt: «Die russischen Tanks bewachen erneut eine Stadt des Martyriums und des Todes.»

 

Menschenmenge von hinten
Brücke

 

 
Freiheiten

Beweglicher werden die Bilder der Flüchtlinge an der ungarisch-österreichischen Grenze. Hier  kann schon offen und mit wechselnden Kameraeinstellungen gefilmt werden. Dementsprechend offen schliesst auch der Kommentar mit einer politischen Anklage: «Die freie Welt hat sie [die Ungarinnen und Ungarn] in ihrem Kampf allein gelassen.»

 

Mann mit Gewehr
Gewehre im Schnee
 

 

Eigene Drehteams

Und mit noch mehr Raffinesse bezüglich der Kameraführung und der Beleuchtung werden dann die Aufnahmen in der Schweiz gedreht. Hier zu sehen: Die Aufständischen schnitten aus der Ungarn-Flagge das Emblem der Sowjetunion heraus.

 

Mann mit Flagge
Nahaufnahme Frau
 
Mädchen isst Suppe
2. Aufnahme

Der zweite Filmwochenschau-Beitrag eine Woche später führt die Reise der geflüchteten Ungarinnen und Ungarn in die Schweiz weiter. Sie ist den nun ankommenden Flüchtlingen gewidmet.

Über Ungarn wird nur gesagt, dass die Männer dort kämpfen und dass «die Heimat zu Tode gepeinigt werde».

Ankunft

Bezüglich der Geflüchteten wird hervorgehoben, dass es sich um alle Schichten der Bevölkerung handle: «die Intellektuellen, die von Wut und Trauer bewegten Arbeiter, die Bauern, die alles zurückliessen, die Diener der verfemten Kirche».

Die Männer seien untervertreten, weil sie noch in Ungarn «bis zum Tode kämpfen» – obwohl im Film nicht weniger Männer als Frauen gezeigt werden.

Nahaufnahme

Eine große Rolle spielen die in Nahaufnahme gefilmten Kindergesichter. Den Kindern werden Gefühle zugeschrieben wie der Schreck der vergangenen Tage oder das Wiedererwachen von Lebensfreude.

Heimisch werden

Beide Elemente, die Aufzählung verschiedener Bevölkerungsgruppen und die Kindergesichter in Nahaufnahme, fördern die Empathie mit den Geflüchteten.

Zeitungsausschnitt

Die bisherigen Filmbeiträge haben sich auf den Aufstand in Ungarn und die Geflüchteten konzentriert. Am 21. Dezember wird zum ersten Mal die Integration der Flüchtlinge angesprochen.

Schweizer Sparksamkeit

Eine grosse Hürde stellt die Sprache dar. Die Zeitungsverlage drucken deshalb die ungarische Zeitung «Hiradó» («Nachrichten») mit Informationen über Ungarn, über das Weltgeschehen und über die Schweiz.

Hier geht es darum, die Geflüchteten zu belehren, was in der Schweiz Sitte ist.  Für die Geflüchteten ist die Schweiz bereits damals ein Konsumparadies. Deshalb belehrt sie ein «Hiradó»-Artikel, offensichtlich aus Schweizer Hand, über die schweizerische Sparsamkeit.

«Sicherlich ist es Euch auch schon aufgefallen, dass die Schweizer das Geld, das sie nicht unbedingt brauchen, auf die Bank oder auf eine Sparkasse bringen. Auch uns Schweizern ist es aufgefallen, dass die meisten Ungarn ihr Geld viel schneller ausgeben als wir. Kaum spüren sie etwas Geld im Hosensack, fragen sie schon: 'Was könnten wir dafür kaufen?' ... Hier meine ich die Sachen, die wir Schweizer uns nicht so schnell und nicht so leichtfertig kaufen. Täglich sehen und merken wir, dass unsere ungarischen Freunde glauben, jede Möglichkeit zum schnellen Geldausgeben ergreifen zu müssen.»

Erinnerungen einer Geflüchteten 

Wie schockierend gut gemeinte Belehrung und Hilfsbereitschaft bisweilen wirken,  daran erinnert sich eine geflüchtete Ungarin dreissig Jahre später. Die Studentin Judit Birkàs interviewte für ihre Lizentiatsarbeit damals aus Ungarn geflüchtete Menschen.

«Eine meiner Interviewpartnerinnen erzählt mir die folgende Episode: Sie fuhr in den ersten Januartagen 1957 mit dem Zug durch die Schweiz. Sie reiste in der Begleitung eines Soldaten ins Militärspital Lenk. Von dem Soldaten erfuhren die Mitreisenden recht bald, dass sie ein ungarischer Flüchtling sei. Daraufhin kamen die Passagiere aus dem ganzen Zug, um sie zu sehen und um ihr Geld zu geben. Sie wollte das Geld nicht annehmen, aber darauf achtete niemand. Die Schweizer begriffen ihre Tränen nicht, als sie das Geld, einer nach dem anderen, auf ihren Schoss legten.

Die schweizerische Öffentlichkeit vergass, dass die Ungarn als erwachsenen Menschen in die Schweiz kamen, die ihr Leben in der Heimat selbstständig gemeistert hatten. So wurde in einer Gemeinde, welche viele ungarische Flüchtlinge aufgenommen hat, von dem Ungarnkomitee angeordnet, dass der Lohn der Flüchtlinge nicht ihnen selber, sondern ihren Betreuern ausbezahlt werden solle. Über die Einteilung und Ausgabe des Geldes sollte nicht der Flüchtling, sondern sein Betreuer verfügen.

Diese Verordnung hielt das Betreuungskomitee für notwendig, weil es gesehen hatte, dass die Ungarn ihr Geld leichtherzig ausgegeben hatten.

Grosse Empörung brach in der selben Gemeinde aus, als sich die Flüchtlinge aus ihrem Lohn (als sie selber darüber verfügen durften) neue Kleider kauften. Die Dorfbewohner empfanden dies als undankbar, waren doch die Flüchtlinge erst vor kurzer Zeit aus der Kleidersammlung der Gemeinde eingekleidet worden.

Die Ungarn hatten in den Augen ihrer Umgebung überhaupt keinen Grund – und keine Berechtigung – sich neue Sachen zu kaufen.»

Birkàs, Judit. - Die Ungarnflüchtlinge von 1956 in der Schweiz: ihre Aufnahme und Eingliederung. Unpublizierte Lizenziatsarbeit an der Universität Basel, 1983, Seite 59f.

Nachweis in «Diplomatische Dokumente der Schweiz» (Dodis)

 

 

Herstellung einer Zeitung  

Der  Filmwochenschau-Beitrag zeigt übrigens auch, wie viel Handwerkskunst und Arbeit vor der Elektronischen Datenverarbeitung für die Herstellung einer Zeitung in den 1950er Jahren nötig waren.

Zeitungsausschnitt
Korrektur auf Papier
Bleisatz im Detail
Bleisatz
Walzendruck im Detail
Walzendruck
Männer mit Fackeln

Die kurze Sequenz über Ungarns Nationalfeiertag leitet eine ausführliche Reportage über Panzerbekämpfung ein.

In der Filmwochenschau vom 29. März 1957 ist eine Feier der Exilungarn zu ihrem Nationalfeiertag nur noch 24 Sekunden lang.

Solche Kurse zur Panzerbekämpfung organisiert der Schweizerische Unteroffiziersverband. Sie stossen auf grosses Interesse. Ausführlich werden im Filmwochenschau-Beitrag das Schiessen mit dem Raketenrohr, mit der Gewehrgranate und sogar der zivile Kampf mit Molotowcocktails  vorgeführt – letzterer nach ungarischem Vorbild.

Die weitverbreitete Anleitung des Major von Dach zum «totalen Widerstand» und das in alle Haushaltungen verschickte offizielle Zivilverteidigungsbuch nehmen die Erfahrungen aus der Unterdrückung des Ungarn-Aufstandes auf.

Diese Verbindung zwischen Ungarnaufstand und Landesverteidigung wird auch im Jahresrückblick 1957 der Schweizer Filmwochenschau hergestellt. Ein halbes Jahr später wird der Bundesrat sogar die Beschaffung von Atomwaffen beschliessen.

Heinz von Dach: Der totale Widerstand

Das 270 Seiten dicke Buch leitet zu allen damals bekannten, gewaltlosen und gewaltsamen Formen des Widerstandes gegen eine Besatzungsmacht an. Es richtet sich sowohl an das Militär als auch an die Zivilbevölkerung.

Das Buch wird ein Bestseller und immer wieder neu aufgelegt. Heinz von Dach nimmt auch die Erfahrungen der Guerilla-Kämpfer während der 1960er-Jahre auf. So wird das Buch in der Bundesrepublik Deutschland verboten, weil es dem Terrorismus Vorschub leiste.

Heinz von Dach: Der totale Widerstand. Kleinkriegsanleitung für jedermann.

Albert Bachmann, Georges Grosjean: Zivilverteidigung

1969 gibt der Bundesrat mit dem «Zivilverteidigungsbuch» eine Anleitung nun speziell für die Zivilbevölkerung heraus. Sie beschränkt sich auf gewaltlose Methoden des Widerstandes, ermuntert aber auch zur Ausgrenzung von Menschen mit «subversiven» Ansichten (S. 225−249).

Albert Bachmann, Georges Grosjean: Zivilverteidigung. Herausgegeben vom Eidg. Justiz- und Polizeidepartement im Auftrag des Bundesrates

Porträt Nahaufnahme eines Mannes

Die Dichte der Beiträge über den Ungarnaufstand nimmt im Jahr 1957 ab. Kein Beitrag beschäftigt sich mehr mit den Verhältnissen in Ungarn, mit den Säuberungen, Hinrichtungen und dem Rollback unter János Kádár.

 

 

Was nicht in der Filmwochenschau erschien

Ebenfalls ausgeblendet blieb die heftige innenpolitische Auseinandersetzung. Die  allgemeine Wut über die Sowjetmacht in der Schweiz richtete sich nämlich gegen ihre Sympathisanten, die Mitglieder der kommunistischen Partei der Arbeit (PdA).

Diese Kehrseite der Solidarität und des Patriotismus wurde in der Filmwochenschau nicht sichtbar. 

 

Zeitleiste zum Ungarnaufstand

 

 

Reportage 20 Jahre später

Erst zwanzig Jahre später berichtet eine Fernsehreportage über die Verfolgung der Familie von Dr. Konrad Farner durch die «Aktion Frei sein». Farner ist Mitglied der PdA und wohnt mit seiner Familie in Thalwil (ZH). Die anonyme «Aktion Frei sein» will ihn zum Verlassen der Gemeinde und sogar der Schweiz zwingen.

Porträt einer Frau
Porträt eines jungen Mannes
Zwei Männer im Gespräch

In der Reportage erinnern sich drei Beteiligte an diese Verfolgung: Martha Farner schildert, wie die ganze Familie, sogar die Kinder, isoliert und verfolgt worden sind, ohne dass die Behörde dagegen eingeschritten ist. Ein an der Verfolgung Beteiligter, damals Jugendlicher, erinnert sich zerknirscht an sein damaliges unüberlegtes Mittun. Ein Gemeinderat stellt sich auf den Standpunkt, solange nichts Unrechtmässiges geschehen sei, habe die Behörde keinen Grund zum Einschreiten gehabt. ​

 
Filmquellen zum Thema 
 

Weitere Dokumente zum Ungarnaufstand können hier gefunden werden.

Filmwochenschau

SFW 0743-2, 26.10.1956: 10 Jahre Kinderdorf Pestalozzi (5 Min.): Ungarn- und Polenkinder wurden nach dem Krieg zurückbeordert. Sonst in dieser Filmwochenschau noch kein Bezug auf den Ungarnaufstand.

SFW 0743-1, 02.11.1956: Hilfe für Ungarn  (1 Min.)

SFW 0745-1, 16. 11. 1956: Studenten helfen (1 Min.): Blutspende der Studierenden für die Versorgung der Verletzten in Ungarn.

SFW 0747-2, 30.11.1956: Ungarnhilfe (1 Min.): Sammlung und Hilfslieferung per Auto aus dem Val de Travers

SFW 0747-3, 30.11.1956 : Für die ungarischen Flüchtlinge (1 Min.): Transportdienste der PTT zugunsten von Österreich

SFW 0750-3,  21.12.1956: Europa und Ungarn (1 Min.): Kinderdorf Trogen bereitet Geschenke für die Ungarn-Kinder.

SFW 0753-2, 11.01.1957: Ungarnflüchtlinge (2 Min.): Alltag von Geflüchteten aus Ungarn in  der Kaserne von Liestal BL

SFW 0757-1, 08.02.1957: Künstler helfen Ungarn (2 Min.): Künstler (Cuno Amiet,  Oskar Kokoschka, Hans Erni und andere) helfen Ungarn durch den Verkauf von eigens geschaffenen Werken.

SFW 0756-3, 05.04.1957: Hochkommissar Lindt in Rom (1 Min.): Besuch des Hochkommissars für das Flüchtlingswesen  der UNO, August Lindt, bei aus Ungarn Geflüchteten in Italien

SFW 0778-1,  05.07.1957: Ungarnkinder (1 Min.): Unterstützung ungarischer Flüchtlinge durch den Fotografen Gerold Zust

SFW 0800-1, 27.12.1957: Sondernummer: Rückblick auf das Jahr 1957: Min. 4:32-5:26 über die Flüchtlingshilfe an die Ungarn/Ungarinnen (1 Min.)

SFW 0846-2, 05.12.1958: Weihnachtskerzen helfen Ungarnflüchtlingen (1 Min.): Weihnachts-Kerzen-Aktion der Schweizerischen Hochschulen für Ungarn-Flüchtlinge

 
Impressum

Diese Vitrine wurde kuratiert von

PH Luzern, Institut für Geschichtsdidaktik und Erinnerungskulturen  

Konzept

Peter Gautschi

Redaktion

Hans Utz

Design

Outermedia

Datum

Oktober 2021

 

Quellennachweis

Filmquellen

>Schweizer Filmwochenschau vom 09.11.1956

>Schweizer Filmwochenschau vom 16.11.1956

>Schweizer Filmwochenschau vom 21.12.1956

Schweizer Filmwochenschau vom 29.03.1957 finden sich hier und hier 

>Ungarnaufstand 1956 und der Fall Konrad Farner, Bericht vor acht vom 06.01.1977, Schweizer Radio und Fernsehen (SRF), DRS, 06.01.1977; aus: Fernsehbestand Bericht vor 8, Schweizer Radio und Fernsehen, 9303207

Bilder

Karte Europa: Eigenproduktion

Übersicht Schweizer Filmwochenschaubeiträge zum Ungarnaufstand: Eigenproduktion

Heinz von Dach: Der totale Widerstand. Kleinkriegsanleitung für jedermann. o. O. 4. Auflage 1972

Eidgenössisches Justiz- und Polizeidepartement (Hsg), Bachmann Albert, Grosjean Georges: Zivilverteidigung. Aarau, Miles-Verlag 1969. >Quelle

 

SIEHE AUCH
Zwei Frauen sitzen im Zug und schauen lächend aus dem Fenster
Vetrina

Einsteigen bitte!

Der Blick der Schweizer Filmwochenschau auf die Eigenheiten der Kantone.